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Sonntag, 14. Dezember 2014

Ein Rückblick ist es vielleicht, wohl aber eher eine Momentaufnahme meines aktuellen Empfindens. Weil ich es erst jetzt geschrieben habe, ist es bunt vermischt mit dem Schweizer Alltag. Das Beste kommt hier erst zum Schluss.

Ankunft

Mittlerweile ist es fast 2 Monate her, seit ich aus einem kleinen Fenster sah wie sich die Sonne hinter den Alpen senkte und die Nacht einstimmte. Dieser und die kurz darauf folgenden Momente waren intensiv. Noch im Flugzeug klebte ich an der Scheibe als hätte ich dieses Land noch nie gesehen.

Die Ankunft war dann ungleich sonderbarer. Ich war noch erstaunt, wie schnell plötzlich alles ging am Flughafen und mir gar nicht bewusst, dass ich bereits am Ausgang war als mich dann so eine bunte Truppe, besetzt mit Familie und Freunden, erwartete. Zwar waren die Gesichter altbekannt, in diesem Moment aber fremd, wie alles fremd war. Es fühlte sich an, wie ein schlechter Film. Es wirkte zu unrealistisch zu wenig glaubwürdig, um mich darauf einlassen zu können.



Klar war das zurückkommen über das Ganze gesehen auch etwas Schönes, aber erstmals wie ein Faustschlag mitten ins Gesicht. Die vergangenen neun Monate fühlten sich eher an wie 3 Jahre und meine Vergangenheit in diesem Land, war eine Geschichte von einem anderen Leben.

Mit dem Leben der Schweiz war ich wohl erstmals ordentlich überfordert, auch brauchte ich eine Weile um wider mit dieser anderen Taktfrequenz mithalten zu können. Eins war dann schnell mal klar: Zeit ist das knappeste Gut der heutigen Zeit und in der Schweiz ist diese Sache besonders ausgeprägt. Seit ich zurück bin fehlt es mir chronisch an Stunden für alles was ich gerne machen würde. Aber eben die Zeit muss ich mir einfach nehmen. Es ist ein Prozess, der nicht ganz einfach ist. Deshalb bin ich ja wider hier, damit ich dies üben kann. Und deshalb hab ichs ja auch nicht auf die Reihe gekriegt, diesen Text viel früher zu schreiben was viel naheliegender gewesen wäre.

Obwohl die Schweiz als politisches und gesellschaftliches Gebilde nahezu die perfekte Illusion von Beständigkeit und Sicherheit projiziert und ich sie somit als sicheren Hafen für eine Periode mit Routine und klaren Verhältnissen sah, schien gerade hier das Gegenteil einzutreffen. All dieses scheinbar Beständige rund um mich zeigte seine Brüchigkeit. Ein Zuhause als Ort hatte nicht mehr, habe ich jetzt nicht und als mir das klar wurde war ich auch nicht sicher ob ich dies jemals gekannt habe.

Zu diesem Zeitpunkt stelle ich fest das einiges dieser Reise in mir Nachwirkt, Erinnerungen kommen sporadisch ohne Zusammenhänge und Logik aber meist sehr intensiv. Bilder von der Reise anzusehen schmerzte und schmerzt noch immer. Nach wie vor gibt es Momente an denen ich meine, von allem davon laufen zu müssen, zurück zu kehren oder einfach wegzugehen.

Ich vermisse die Wärme von Südamerika und ich meine damit vor allem die menschliche, ich vermisse die süsse Stimme Kolumbiens die mich tief getroffen hat und mich nie mehr vergessen lassen will. Ich vermisse dass ich Leute einfach umarmen konnte wenn ich mich danach fühlte, auch wenn ich sie gar nicht kannte. Ich vermisse die Sprache, diesen Singsang diese Freude in Wort, diese Wärme beim Sprechen. Ich vermisse eine Sprache die auch in seiner hässlichsten Form noch erotischer klingt als der beste Anmachspruch auf Deutsch und eine echte Verbindung zwischen Menschen schafft. Es ist eine Sprache, welche die ganze Welt verändert sobald man sie spricht und es ist wie Südamerika vor allem etwas: eine Liebe.

Der nächste Mensch befand sich wohl 2 km entfernt und dann war lange nichts mehr.
Ein Moment wo die Vergangenheit ganz weit in den Hintergrund rückte.

Mein Leben hat an diesem Punkt Formen angenommen die ich manchmal nicht einzuordnen vermag. Eigentlich bin ich in tief gespalten, kann hier nicht leben und will manchmal nur flüchten, weiss aber nicht wohin. Und ich habe Angst, dass jede Flucht nur ein rastloses Suchen sein würde. 

Vielleicht sind dieses innere Chaos und diese Unsicherheit auch gerade gut. Zwar dachte ich immer besser zu wissen, was ich möchte und wo mich mein Leben hinbringen würde, doch dann plötzlich merke ich das es vielleicht noch nie so planlos war, noch nie so unsicher. Als hätte ich die wahrhafte Realität verstanden und die Illusion von Zukunftsplanung erkannt. Mit diesem falsch verstandenen „normalen“ Leben kann ich mich kaum mehr arrangieren.
Ob und gut oder schlecht, verändert eine Wertung diesbezüglich ja herzlich wenig an dem Zustand der ist. Das „im Griff zu haben“ oder das „mit beiden Beinen im Leben stehen“ scheint mir ohnehin nur missverstandenes Menschsein zum Ausdruck zu bringen. Jede Sicherheit ist eingebildet und die Zukunft nur eine Vorstellung, die so nie eintreffen wird. Es gibt nichts woran man sich festhalten kann.
Genau dies scheint sich mir in manchen Momenten zu manifestieren und es reisst mir den Boden unter den Füssen weg. Eine Situation die eigentlich Niemand haben will aber die Angst, die dann aufkommt weicht immer mehr einer Gelassenheit wie sie so manch 70 Jähriger nicht an den Tag bringen würde.

Leben in der Schweiz

Bereits nach kurzer Zeit musste ich meine Offenheit überdenken und mich wieder hinter ein „Schutzschild“ stellen. Wirklich offen und dadurch verwundbar zu leben, war hier nicht mehr einfach. Die Schweiz kann ein raues Pflaster sein. Die Blicke sind bohrender, die Toleranz bescheiden und die Worte verletzen oft, weil die Situation verkannt wird. Leute stehen zwar hier, leben aber an einen anderen Ort. Schuld ist die Taktfrequenz, der krankhaft, materialistisch geprägte Lebensstil, der Leistungsdruck in der Arbeit, das fehlende Verständnis fürs Leben im Allgemeinen und die Tatsache das es selten Leute gibt die eine Situation überschauen können, weil wie ich das schon mal gesagt habe, es mir manchmal vorkommt, als so einige eine Sensitivität eines Kühlschranks haben. 

Und dazu ist der November eine besondere Herausforderung für sich (warum man im Winter nach eine Südamerika Reise zurückkehrt ist ja schwer nach zu vollziehen, selbst für mich, aber eben die Herausforderungen sind es an denen wir wachsen).

Zur Abwechslung etwas Hass

Der momentan grösste Feind der Menschheit und mein von tiefsten Herzen gehasstes Thema, der Kapitalismus ist hier besonders präsent. Nicht nur das ich als Schweizer in der Verantwortung stehe, dass mithilfe unserem wirtschaftsfreundlichem Völken dabei geholfen wird die Armut in verschiedensten Teilen der Welt zu erhöhen, sondern auch weil ich mir diese dämlichen, geldgeilen, horizontarmen Lügner immer wieder ansehen muss. 

Die grösste Sekte der Welt, heisst Kapitalismus. Und das grösste Propagandaprogramm der Menschheitsgeschichte bieten die Unis mir ihren Wirschafts“wissenschaften“. Eigentlich ja keine neue Erkenntnis, ausser dass man es hier allen erklären muss... Als hätte es die allgemeine Erkenntnis noch nicht bis zu dem Alpenvölken geschafft. Wahrscheinlich wegen den Bergen... Ist ja auch nicht einfach hinzukommen. 

Deshalb ist es manchmal sehr anstrengend und die Abneigung auch hier und da präsent.

Aber dann möchte ich mich wieder an dem positiven orientieren, an den Tendenzen die zeigen, dass eine neue Gesellschaft am entstehen ist. Eine neue Generation die Sätze sagt wie: 
"Ich bin sehr optimistisch bezüglich dem was kommt, auch weil ich bald keinen Job mehr habe" 
Ich träume nun von einer Welt ohne Besitz.

Kinderarbeit in der Schweiz.

Beispiel der neuen Generation
Das aktuell spannendste Wohnbauprojekt in Winterthur. Der Ansatz scheint grundlegend neu. Zielpublikum: neue Generation ;)

Realität
Wie es sich als Schweizer gehört bin ich wieder am Arbeiten, gerade mal 2 Wochen nach meiner Rückkehr begann ein Alltag den ich kaum mehr kannte. In der ersten Woche hatte ich fünf Vorstellungsgespräche. Würde ich meine Reise noch einmal leben...würde ich wohl mehr Zeit dazwischen lassen. 

Dieser Alltag ist nicht einfach, so wie es scheint aber möglich. Das Arbeiten von 80% helfen mir die Sache durchzustehen. Auch dass ich nicht mehr pendle hat sich als wahrer Segen herausgestellt. Und ein berufliches Highlight war die gemeinsame Fahrt an eine Besprechung für ein 13Mio Bauprojekt mit meinem Vorgesetzten und einer Mitarbeiterin. Das Besondere an dieser Fahrt war, dass es sich um eine Fahrrad-fahrt handelte. Wie es sich gehört eigentlich. Aber im konservativen Winterthur eben doch etwas Spezielles.

Ausblick vom Büro

Und weil ich ja jetzt nicht mehr von der S12 geplagt bin, habe ich selbst mit dieser wider Frieden geschlossen. Wenn ich sie dann doch wieder mal nahm kam es vor dass, ich Leute dazu brachte ein Gespräch übers Pendeln und insbesondere die S12 zu führen. Eine höchst spanende und freudige Sache.

Der Schweizer Stereotyp (damit das auch mal besprochen ist)

Nähe zeigen in der Schweiz ist eine freundliche und durchaus ernste gemeinte Geste von Zuneigung. In der Praxis ist es das Klopfen auf die Schulter mit ausgestrecktem Arm. 
Dies das Ergebnis einer Beobachtung am Bahnhof, welche mir die perfekte Metapher bot den Schweizer stereotypischen Umgang mit Gefühlen zu beschreiben.

Der Schweizer ist eigentlich ein ganz netter Mensch, er ist freundlich auch wenn es nur gespielt ist. Er hat den Egoismus dezent und diskret verpackt. 
Der Schweizer ist sowas von unglaublich nicht begeisterungsfähig, was wohl auch daran liegt das man meinen könnte er hätte die Kritik höchst persönlich erfunden und dürfe dem sogenannt Vernünftigen keine Sekunde fremdgehen. 
Auch ist er ist chronisch verunsichert und unerwarteten Situationen steht er meist überfordert gegenüber. Wie schon erwähnt ist er sehr schlecht dabei Emotionen zu zeigen und noch sehr viel schlechter dabei Konflikte auszutragen. 

Alles andere macht er wohl richtig aber eben diese anstrengenden negativen Charakterzüge führen zu einer erhöhten Kompliziertheit, die man meiner Meinung nach auch gerne weglassen könnte.

Und weil man es nicht wirklich ändern kann gilt:

Durchatmen und weitermachen.

Ich musste mit der Schweiz wider Frieden schliessen und muss dies immer wieder aufs Neue. Natürlich hat Niemand etwas dafür, dass ich nun mal meinen Blick erweitern konnte und so die Abgründe unseres Landes nun viel besser verstehe und alles in Frage stelle.

Etwas das ich gelernt habe zu lieben. Den Nebel und am liebsten von Oben.



Es macht es nicht einfacher diesen distanzierten Blick zu haben, den es wirft eben sehr viele Fragen auf und schlussendlich mache ich mir damit selbst Druck dem Land immer wieder aufs Neue den Rücken zu kehren.

Der Blick hilft aber auch, weil ich unsere Kultur besser verstehe und merke welche Probleme sie mit sich bringt. 

Zum Abschluss hier noch folgende Festlegung aus meinem Leben:

Es ist nicht die Liebe die einem in die Schweiz zurückbringt, es ist die spiessige Vernunft die in fast jedem Schweizer irgendwo wohnt. Ohne Schweiz meine ich nicht leben zu können, ohne Möglichkeit für eine Fluch aber auch nicht. 

Erinnerungen kommen auf

Ich erinnerte mich an...

...die Geräusche aus dem Jungle, das Plätschern des Flusses die unendlich vielseitigen Klänge aus dem Wald kurz bevor ich in den Schlaf falle. 

...den Blick in die Berge, hinter mir ein Zeuge einer Kultur mit einer unglaublichen Geschichte. Der Blick aufs Leben war so distanziert das die Welt ein freundliches Gelächter war. Der Blick richtete sich Kilometerweit ins Nichts. 

Die lachende Welt.

...unsere Entdeckung von El Palmar, als wir gar nicht mehr wussten ob wir überhaupt ankommen würden. 

Ein kleines Dorf auf einem Plateau irgndwo im Nirgendwo. Wo wir es dann wirklich endlich gesehen hatten war die Freude gross.

"Der Geist wird ruhiger und es scheint, dass die Gedanken bei jedem Windstoss von Neuem weggetragen werden, in die stillen Weiten dieser bezaubernder Natur." 

...das leise Pfeifen des Windes auf der Isla del Sol.

Isla del Sol

...den Sonnenaufgang über einem Meer aus Salz.

...die Gewitterstürme über dem karibischen Meer. 

...festreiche Tage in Sucre.

Die beste Pasta nach geschafften 1500 Höhenmeter und müden Beinen

...an den einsamen Strand mit Kokosnüssen

...die Stadt Medellin die sich nachhaltig nicht mehr vergessen lässt

...das magische Iquitos am Amazonas.

...eine Fahrt mit Hindernissen

...die Wanderung nach Choquequirao

und an vieles mehr. vieles fällt mir zuerst nicht mehr ein und dann doch wider und dann kommt plötzlich wider etwas dass ich vergessen hatte. Es war viel und es war vielseitig. Dazu kommen unzählige Menschen die ich nicht mehr vergessen kann.

Die Erinnerungen kommen verschnitten ohne logischen Zusammenhang auf. Die Chronik ist zerstört und die Bilder und Gefühle haben sich vermischt.

Eine Geschichte kommt zum Schluss

So ist es dann also und auch wenn vieles noch weiterlebt ist die Reise zu einem Ende gekommen. 
Welch intensive und lehrreiche Zeit war es dich ich erleben durfte. Die Menschen, die Umarmungen die freundliche Blicke, die Freude die wir geteilt haben. 

Denke ich zurück ist es wie ein süsser Traum, ein freundliche Stimme die eine Geschichte erzählt die so weit weg von meinem neune Alltag ist, dass es wie ein Märchen scheint.

Und etwas das sich mir immer wider in den Vordergrund drägt ist: 
Was wäre nur aus dem Kontinenten geworden, hätten die Europäer nie damit begonnen ihn zu zerstören?.... Es wäre Magie, Magie Magie... Europa hat die Welt zerstört hat den Kapitalismus gebracht und die hässlichsten Kulturen in der Menschheitsgeschichte geschaffen. 

Massnahmen zur Reintegration

Damit ich aber hier beschäftigt bleibe und nicht noch zu einem spiessigen Vorstadtschweizer werde, habe ich mir gewisse Dinge vorgenommen, wie im nächsten Jahr einen Martaton zu laufen oder mich von möglichst allem was ich nicht brauche zu trennen und zu versuchen mit sehr viel weniger zu leben. 

Bezüglich dem mit-weniger-auskommen habe ich es schon gut im Griff. Ich habe mich nähmlich für ein eigentlich viel zu kleines WG-Zimmer entschieden.

Um Reich zu werden muss ich mich von Besitz trennen. 

Und um mal alle Hoffnung an einen beständigen, bürgerlichen Pascals zu zerschlagen, hier ein Einblick:


Reisen: Eine Liebeserklärung 

Immaterielle Beständigkeit 

Etwas vom wohl beständigsten meiner Reise: 
Dieses Lied habe ich immer wider, zu fast jeder Stimmung und an fast jedem Ort gehört. Es war ein stetiger, vertrauter Belgeiter den ich nun grene teilen möchte. 

(Bedienungsanleitung für den Dauerabgelenkten: von Minute 1:08 bis 1:48 besonders aufmerksam sein, gerade danach tief in die Musik eintauchen und die Zeit vergessen.)



In dem Lied ist geht es um einen Sturm um die Bitte ein Licht anzulassen (Leave a light a light on) was genau Coldplay damit zum Ausdruck bringen wollte, weiss ich natürlich nicht.
Dennoch, für mich stimmt dies sehr gut mit der Stimmung der Welt überein. Es ist dunkel es stürmt und dieser Sturm macht Angst. Aber es gibt ein Licht, es gibt die Hoffnung dass die Menschheit doch nicht zugrunde geht. Die Hoffnung schimmert immer dünner, sie muss aber zwingend weiter leuchten, sonst wird es dunkel und wir alle werden uns in diesem grossen Sturm nicht mehr orientieren können.

Für meine Situation scheint das Lied auf eine andere Sache sehr passend. So ist diese Licht wie die Freude im Leben, welche ich während meiner Reise hatte. Es ist das Licht, die Wärme die ich versuchen will zu behalten. Auch wenn es in den in jeder Hinsicht kalten Zeiten wahrscheinlich schwächer ist, muss ich ein kleines anlassen… sonst wäre es kein Leben.

Ein kleines Licht bis die nächste Reise starten darf und sich der Sturm wider lichtet. 

Leave a light on.

Ein Licht mit besonderer Bedeutung

Dienstag, 21. Oktober 2014

Jemand berührt mich an der Schulter und ich wache auf, er meint wir seien angekommen und steigt als zweit letzter aus dem Bus. Es war eine Fahrt durch die Nacht von Maracay nach San Cristobal, eine Stadt die nahe an der südlichen Grenze zu Kolumbien liegt. Die Fahrt dauerte 14 Stunden und ich war froh anzukommen. Etwas verschlafen steige ich aus dem Bus, wo ich dann sogleich von diversen Taxifahrer überrumpelt werde. Zuerst wolle ich mein Rucksack hohlen sage ich. Dann spreche ich mit dem einen Fahrer und wir einigen uns auf einen Preis, für den er mich bis ans Busterminal nach Kolumbien bringt, aber er soll noch einen weiteren Passagier suchen. So wollten wir zu seinem Taxi gehen um mein Rucksack zu verstauen. Da werde ich sogleich von einem Polizisten aufgehalten. Er war sehr gezielt auf mich zugegangen. 
Dieser nette Herr hält dann meinen Pass in der Hand und fragt woher ich komme. Das muss man ja auch erstmal fertig bringen. Er blättert schnell durch, schaut ihn aber gar nicht wirklich an und meint dann ich hätte keinen Einreisestempel. Klar hatte ich einen aber das schien ohnehin nur ein Vorwand zu sein, denn sofort kam ein zweiter Beamte dazu und meinte ich müsse mein Rucksack zur Durchsuchung freigeben.

Egal wo auf dem Planeten man sich befindet, Wolken sind etwas immer vertrautes.
Eine Freundin sagte mir mal wenn es einem nicht gut geht, hilft es immer wenn man mal nach oben schaut.
Es ist schlicht der einfachste und kürzeste Weg zurück in die Natur.
Diese Wolken waren in San Gil, gefielen mir und passen hier gerade gut rein.

Zuerst begann er gleich vor Ort doch dann schien es ihm etwas unangenehm zu werden und gingen wir zu dem Taxi, wo er dann im Kofferraum alles akribisch genau untersuchte. Ich folgte dem Polizisten in meinem Gesicht war wohl anzusehen wie sehr es mich nervte, es war nicht das erste mal dass ich in Venezuela absolut willkürlich kontrolliert werde. Die Leute schauten mich teils etwas schockiert an die einen aber lachten leicht oder schüttelten den Kopf während sie auf den guten Herrn in Uniform zeigten. Keiner scheint die Polizei noch ernst zu nehmen. 
Und somit war ich in dieser doofen Situation, war  aber sicher dass ich ungeschoren davon kommen werde. Der Beamte durchsuchte also alles in meinem Rucksack sehr genau. Kurz nachdem er angefangen hatte wendete er sich zu mir und meinte wenn er was finde, dass mehr Wert hat als 500 Dollar, würde er es nehmen. Ehhhm...? Warum bitte sehr und auf welcher Grundlage? Aber was spielt es für eine Rolle, was will man machen wenn die Polizei sich hinter der Justiz versteckt und dennoch willkürlich handelt. Ich habe ja sowieso nichts besonders wertvolles und meinte, er soll nur vorangehen er würde nichts finden - "¡adelante, señor!, no puede encontrar nada".

Ja das dachte ich und dann fand er doch noch etwas, das ich schon längst vergessen hatte. Es waren die Koka-Bonbons aus Bolivien, die viel zu süss waren und ich seit Ewigkeiten für nichts mit mir herum trug.
Das war alles was er finden wollte und sagte sogleich, dass dies eine Droge sei und ich mitkommen müsse.
Alles wieder in den Rucksack rein gewurstelt und wie ein Schwerverbrecher fühlend laufe ich ihm hinterher auf die Polizeistation. Dort kommen dann noch drei weitere Beamten dazu, die alle eines ganz bestimmt nicht machen, nämlich die Interessen des Staates zu verfolgen. Was sie aber taten waren auf die Schiene des ersten Beamten aufzuspringen und mir versichern dass ich ein grosses Problem habe. Zur Absicherung haben sie da auch noch ihren Drogenhund aus der kleinen Box gelassen, der dann wild an allem herumschnüffelte was ihm vor die Nase kam. Wie sie daraus schlossen, dass dieser Hund gerade auf diese Bonbons besonders reagiert, ist mir bis heute ein Rätsel. Aber ich bin ja auch nicht Experte.
Sie sagten mir alle immer wieder, dass ich in das Gefängnis muss und schliesslich brachten sie mich in einen Raum, den sie von innen abschlossen und erzählten mir dort wie schlimm das Gefängnis sein wird und das dort die Gefangenen mit Waffen drin sind usw. So ging es dann auch noch an meinen "Geld-Gurt" in dem auch mein Reisepass ist.
Er nahm die 100 Dollar und die Kolumbianischen Pesos im Wert von etwa 70 Dollar heraus, steckte den Reisepass wieder hinein, gab mir die Tasche und meinte ich könne jetzt gehen. Als würde ich etwas dagegen einzuwenden haben sagte er mir sehr bestimmt und mehrmals, dass diese Bonbons bei ihm bleiben werde und ich dachte ja der freut sich wohl vergebens, ist der Konsums dieser doch viel zu unspektakulär.  

So schnell ging es und wurde also tatsächlich von der Polizei beraubt. Es störte mich aber nicht besonders, den ich wusste wirklich nicht wie mein offizieller Status war, ob ich ein Delikt begangen habe oder nicht und mir war auch nicht danach es herauszufinden. Dieser Eindruck von Venezuelanische Staatswillkür hat mir gereicht und ich bin froh habe ich mit dieser Polizei nichts mehr zu tun. Diese Polizei ist vielleicht das unsicherste Konstrukt Venezuelas und somit genau das Gegenteil von dem was sie sein sollte.
Ganz nebenbei wäre da auch Kritik an mir selbst angebracht... warum zum Teufel schleppte ich diese blöden Dinger mit mir herum? Und wenn dann schon warum nehme ich nicht mindestens das Etikett ab das jedem Betrachter verrät das es ein Koka Produkt ist.

Raum für Gedanken

Neun Monate war ich in Südamerika unterwegs, nie ist etwas besonders erwähnenswertes passiert, bis die Polizei ins Spiel kam. Welch herrliche Ironie. Und ich lache wirklich darüber, bereits fünf Minuten danach im Taxi hatten wir ordentlich Spass mit dieser Geschichte.
Was sind schon 170 Dollar, wenn ich bald wieder arbeiten werde? Es brachte mich auch mal wieder dazu zu erkennen, wie privilegiert ich als Europäer/Schweizer bin, denn jedes Mal wenn mir das wieder vor die Augen geführt wird, fühle ich mich etwas schlecht und ich weiss nicht genau wohin damit und so habe ich für mich herausgefunden das ein Privileg mit einer Verantwortung einhergeht. Was diese Verantwortung genau ist, muss ich wohl immer wieder neu erkennen. In diesem speziellen Fall muss ich sagen das es ganz okay war das Geld da zulassen, gerne hätte ich es jemand anders gegeben aber auch so lässt es sich leben. Dieses Geld hatte nämlich mehr Wert als zwei Monatslöhne eines Polizeibeamten und zudem ist es nur fair wenn auch die Bewohner Venezuelas die Möglichkeit haben vom Schwarzmarkt zu profitieren, denn es nur gibt weil die Regierung Währungstechnisch dämliche Entscheidungen getroffen hat.

Wie der wirkliche Status von Kokablätter und Alltagsprodukte davon in Venezuela ist habe ich noch immer nicht herausgefunden. Es ist denkbar, dass es wirklich illegal ist, wie in den meisten Ländern der Fall ist, in denen die Blätter, unberechtigterweise, als illegale Droge klassifiziert sind. Jedoch hat Hugo Chavez sich im Jahr 2008 öffentlich für den traditionelle Verwendung für Koka stark gemacht, ob daraus aber eine Anpassung in dem Gesetzt folgte fand ich nicht heraus.



Reisen in Kolumbien


Wieder alleine in Kolumbien unterwegs zu sein lies mich erkennen, wie unglaublich freundlich und hilfsbereit die Leute hier doch sind, man hat fast mühe alleine zu sein.

Dieser Tag war gerade ein nationaler Feiertag, was für die Stadt Cucuta hiess: kein privater, motorisierter Individualverkehr (Autos und so), also nur Taxis, Busse, Polizei etc. und Betriebe die eine Ausnahmebewilligung hatten, waren auf der Strassen erlaubt. Dies war sehr angenehm zu erleben und solche Tage gibt es in diversen Kolumbianischen Städte immer wieder mal. Etwas das in der Schweiz nicht denkbar wäre, aber es ist ja auch was anders (wir sind halt doch ein kleinkariertes, konservatives Bergbauervölkchen), Während in Europa noch viel zu viele Menschen versuchen alten Mist zu konservieren wird in Lateinamerika und besonders in Kolumbien nach vorne geschaut und vieles sehr innovativ angegangen. Es ist wirklich beeindruckend, in welch kurzer Zeit ein Land sich wandeln kann.

leider etwas zu spät aber alles war gelb von den Taxis die auf den leeren Strassen herumrollten. 

Solche Verkehrsmassnahmen gehen übrigens immer wieder mit einer messbaren Senkung von Kriminalität einher. Wie auch in Bogota als der eine Bürgermeister ein mittlerweile weltbekanntes Bussystem entwickelte und viel Geld anstatt direkt gegen Gewalt und Drogen in das öffentliche Verkehrssystem und in Ausbau von Fahrrad- und Fusswege steckte und somit eine Reduzierung der Kriminalität erreichte. Dass das Verkehrsmittel Auto etwas vom ineffizientesten und schändlichsten für die Menschheit ist eigentlich schon lange Tatsache und wissenschaftlich bewiesen. Aber eben da würden wir jetzt zu der manchmal etwas hinterherhinkenden Schweiz zurückkehren und das wäre ja dann wieder viel zu emotional, auch wenn alles sachlich belegt werden kann. 
Natürlich ist das nur ein kleines Problem von vielen in Kolumbien aber die Schlagzeilen der Zukunft werden immer wieder mal gefüllt sein wegen der Politik in diesem Land. Beispielweise ist schon sehr absehbar das man den Umgang mit Drogen grundsätzlich überdenkt, gemäss einer Anwältin deren Kanzlei auch die Regierung berät, wird wohl in den nächsten zwei Jahren der Konsum von Marihuana legalisiert werden. Die Legalisierung von Kokain sei schon länger kein Tabuthema mehr und ist vielleicht bereits in 10 Jahren denkbar. 
Die Regierungen der Welt müssen dringend einen anderen Umgang mit Drogen finden (weil die bisherige Drogenpolitik nachweislich viel herausgeworfenes Geld ist und sehr viel Leid und Kriminalität verursacht) und es scheint als das die Lateinamerikanischen Länder hier eine Vorreiterrolle einnehmen und zeigen das fortschrittliches Denken nicht in Europa stattfinden muss.



Nach dem politischen Abschweifen wieder zurück zum Reisealltag:  
Als ich in der Busstation in Cúcuta ein Ticket nach Bucaramanga kaufte, überreichte man mir einen kleinen Plastiksack den ich mit meinem Geld füllen sollte um diesen dann in meiner Unterhose verstecken. Zudem machte mich der Verkäufer darauf aufmerksam, dass ich keine Getränke annehmen sollte, da es immer wieder Überfälle auf Touristen gibt. Dies als reine Sicherheitsmassnahme meinte er, lachte und wünschte mir eine gute Reise.
Es ist schon immer wieder beeindruckten, wie die Leute mit der immer noch allgegenwärtigen Kriminalität umgehen. Das man sich ihrer bewusst ist aber nach vorne schaut und weiter geht ohne zu verzweifeln, ich bin mir nicht so sicher ob das alle Kulturen so gut hinbringen könnten. 

San Gil

Noch am selben Abend erreichte ich das nette kleine Städtchen San Gil und das war ein angenehmer Frieden. Die Leute sind so gemütlich und freundlich, es gibt überall frische Früchte und Fruchtsäfte, Kaffee oder alles was man sich halt wünscht. Alles ist erreichbar zu Fuss in dieser niedlichen Stadt, wo die Teenager-Mädchen verlegen um die Ecke kichern, um zu beweisen, dass in San Gil die Welt noch in Ordnung ist. Die Stadt liegt auf ca. 1000m etwas höher und hat ein sehr angenehmes Klima und ist auch sehr beleibt für alle möglichen Abenteuersportarten.
Der eigentliche Grund für meine Reise dorthin war aber um tief in den Dschungel zu gelangen, auch wenn es in San Gil keinen gibt. Das macht jetzt mal überhaupt keinen Sinn, wenn man das so liest. In diesem spezifischen Fall ist es auch ganz recht so und sage nur: höchst faszinierend.




im Hostel "el dorado"

 

Medellin  


Am 2. Dezember 1993, wurde Pablo Escobar auf einem Dach in Medellín auf der Flucht von der Polizei erschossen. Der Tod des wohl grössten Drogenhändlers der Geschichte ermöglichte der damals gefährlichsten Stadt der Welt sich zu wandeln und wurde 20 Jahre danach vom WSJ und der Citibank zur innovativsten Stadt der Welt gekürt. 
In der Tat ist es sehr beeindruckend zu sehen, wie diese Stadt sich so entwickelt. Medellín ist auch mit Abstand das modernste was ich in Kolumbien gesehen habe. Man hat in den letzten Jahren sehr viel in die öffentliche Infrastruktur, öffentlichen Verkehr, die Bildung und Gesundheit investiert. Man hat bis in die Architektur alles in den Angriff genommen was möglich ist. Man hat Plätze die einst zu den schlimmsten Orten der Stadt gehörten transformiert, zu etwas Neuem, etwas positiven. So ist 
Der "Park des Lichts" entstanden oder an einem anderen Ort wo es früher viel Kriminalität gab, ist nun das Amt das für die Bildung der ganzen Provinz zuständig ist angesiedelt. Auch ist Medellín für seine innovativen Verkehrskonzepte bekannt. Es gibt nicht nur die wohl sauberste Metro der Welt, es gibt auch einige Seilbahnen, welche die angegliederten Nachbarorte verbinden oder die längste Rolltreppe der Welt, welche den Leuten erspart sich mühsam den Berg hoch zu kämpfen wenn sie nach Hause gehen. Das Leben der Armen zu verbessern ist der Schlüssel zu weniger Kriminalität, dies wissen die Leute diese Stadt. 

Plaza de la luz, hier hald gerade nicht


Die Metro war für die Leute ein Hoffnungsträger, etwas an das sie glauben konnten und sich daran festhalten konnten, dies ist wohl auch der Grund das man irgendwelche Kratzspuren, kleinste Abfälle oder Beschriftungen vergeblich sucht.
Vielleicht ist dies die meist respektierte Metro der Welt


Das Ergebnis dieser Investitionen und Bemühungen ist positiv, die Kriminalität geht zurück und das Leben für Viele verbessert sich, Leute getrauen sich zu investieren und die Stadt entwickelt sich in einem Rekordtempo, mit dem wohl keine Europäische Stadt mithalten könnte. Die Leute hier sind entsprechend Stolz. Medellín ist die Hauptstadt vom "Paisaland", die Leute hier nennen sich selbst "Paisas" und werden im Rest des Landes wegen ihrer pragmatischen Geschäftsart nicht immer nur geschätzt. 

Dies alles macht diese Stadt zu einem höchst interessanten Ort, wo die Leute doch wirklich auch mal für Fussgänger anhalten... sehr beeindruckend.

In einem ärmeren Viertel wurde eine Bibliothek gebaut, wo die Kinder Zugriff auf alle Informationen habe die sie brauchen , zudem werden hier viele weitere Programme betrieben. Gerade wird die Fassade erneuert.

Medellin ist einer der wenigen Ort, den ich auf meiner Reise gesehen habe, wo es moderne Gebäude gibt die gut aussehen.

Ein Blick auf ein Ort in Medellin auf den die Leute stolzt sind.

Das es in Medellin aber noch viel zu tun ist leugnet auch Niemand.
Studenten wurden gefragt: "wie können wir zusammen leben"
Die Antworten sind sehr interessant, immer wider liest man mit viel Liebe oder Respekt, mit viel Lachen auf dem Gesicht.
Man kann dann aber auch einen Frust herauslesen, wie: "In dem wir die Ungleichheit wirklich angehen" oder "Das weisst du bereits!"

Kunst im Virtel "El Poblado"

das hipstertum ist auch in El Poblado in Medellin breit vertreten.
Die ist nur einer von vielen Läden die einem gedanklich nach Europa schleudern.


Ein recht neues sehr modernes und nachhaltiges Gebäude, möchte das Zentrum für Inovation der Stadt sein.




Tipps für Reisende in Venezuela 

Umgang mit der Polizei
Keine Drogen herumschleppen :) auch schon feinste Reste von Marihuana können zu einem ordentlichen Problem werden.
Dollar und wertvolle Sachen sehr gut und an verschiedenen Orten verstecken, beispielweise in kleinen Plastiksack in den Socken oder Unterwäsche.

Ausreise von San Christobal
Von San Christobal findet man Taxis die einem direkt zum Busterminal in Cucuta fahren,
Um den Ausreistempel zu erhalten muss man zuerst eine Ausreisekarte für 130 Bolivar kaufen, die erhält man gerade gegenüber, des "Ausreiseamtes".   
 
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